Polizei befürchtet “Hexenjagd” durch neue App

Kann eine neue App bei der Bekämpfung von Straftaten helfen? Für Frankfurt ist sie seit Montag auf dem Markt. Doch anders als die Macher erwarten Polizei und Datenschützer eher Angstmache als Hilfe.

“Dike” ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Gerechtigkeit – und sie ist Namensgeberin für eine neue Smartphone-App. In Frankfurt, Hamburg und Bonn sollen sich damit ab sofort Nutzer “jederzeit in Sekundenschnelle über Gefahren informieren, Menschen im Umkreis warnen oder bei der Aufklärung von Verbrechen helfen”, wie es im Werbevideo heißt.

Seit Montag ist die App für die drei Städte verfügbar, die Anbieter-Firma hat ihren Sitz in Darmstadt. Sie wollten dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung entgegenkommen, sagen die Gründer. Ein neues Frankfurt in Ruhe und Frieden?

Dike-Macher: “Verbrechensbekämpfung in Echtzeit”

Das Prinzip ist simpel: Per Knopfdruck können Nutzer in Frankfurt Meldungen erstellen. Etwa: “Betrunkener belästigt Passanten”, sie geben den Ort an und schon erscheint ein Symbol auf einem digitalen Stadtplan – alle anderen sind gewarnt. “Verbrechensbekämpfung in Echtzeit” sei das, argumentieren die Firmengründer. Auch Meldungen der Polizei sollen ins System fließen – am Ende könne sogar die Polizei von den Informationen profitieren, heißt es seitens der Betreiber. Nur: Die Polizei ist alles andere als erfreut über die neue App.

Christoph Schulte vom LKA Hessen sagte am Montag gegenüber hessenschau.de, man sehe die “Dike”-App grundsätzlich kritisch. Es bestehe die Gefahr einer “digitalen Hexenjagd”. Da sich per App auch Fotos hochladen lassen, könnten beliebig Personen fotografiert werden, um ihnen nachher irgendeine Straftat zu unterstellen. Das beeinträchtigt nicht nur die Persönlichkeitsrechte, es berge auch Gefahren, warnt das LKA.

Polizei: “Lieber 110 wählen”

Für die Polizei sei eine solche App anders als die Betreiber suggerierten keine Unterstützung, sagte Schulte. Die Polizei brauche seriöse und valide Quellen – wenn etwas passiere, schicke die Polizei einen Streifenwagen. Am Ende könne so eine App in der Bevölkerung mehr Angst verbreiten als helfen, befürchtet das LKA. Wer in Gefahr ist oder Befürchtungen habe, sollte sich direkt an die Polizei wenden: “Betroffene sollten lieber einmal zu oft die 110 oder das Polizeirevier vor Ort anrufen”, heißt es vom LKA.

Die Macher der Dike-App werben damit, Kriminalitäts-Prävention zu bieten – das sei aber Aufgabe der Polizei, heißt es aus Wiesbaden. Entsprechende Beratungsangebote bietet die hessische Polizei schon länger.

Alternative zur Bürgerwehr?

Perspektivisch wollen die “Dike”-Macher Nutzern auch das Hochladen von Videos zusätzlich zu Fotos ermöglichen – dafür reichen bisher die technischen Möglichkeiten aber nicht. Auch wolle man erst testen, wie Denunziation und Missbrauch verhindert werden könnten, sagte Christian Landgrebe, einer der Firmengründer, zu hessenschau.de.

Den Vorwurf der Gründung einer “digitalen Bürgerwehr” weist Landgrebe von sich. Man wolle eine “wachsame Nachbarschaft” unterstützen – Dike solle im Gegenteil Bürgerwehren überflüssig machen und ohne Denunziation für Transparenz sorgen. Man habe sich um eine Kooperation mit der Polizei bemüht, das sei bisher aber nicht gelungen.

Datenschützer: Anmaßend und in Richtung Selbstjustiz

Womöglich kam keine Reaktion, weil die Polizei einfach kein Interesse hat an einer App wie Dike. Aber auch Datenschützer sind alarmiert: Hessens Datenschutzbeauftragter Michael Ronellenfitsch sieht schon im Namen der App eine “Anmaßung” – das Symbol der Göttin der Gerechtigkeit werde für eine App genutzt, die der Selbstjustiz Vorschub leiste, sagte er zu hessenschau.de.

Was wäre, wenn einfach ein Auto samt Kennzeichen abfotografiert wird und dem Fahrer anschließend irgendeine Straftat vorgeworfen wird? Ronellenfitsch ist “strikt gegen” eine solche App. Die Gefahr, dass das Recht am eigenen Bild verletzt und mit der App Missbrauch betrieben werde, sei womöglich nicht die Intention der Betreiber. Trotzdem will der oberste Datenschützer des Landes künftig ein Auge auf die App haben, um zu beobachten, ob ein Missbrauch feststellbar ist – der dann womöglich auch strafbar ist.

Quelle: Hessenschau

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.