Frauen lernen in Geisenheim, wie man sich zudringliche Fassenachter vom Hals hält

Allein auf dem Heimweg im Dunkeln, im Bus oder der Bahn, an einsamen Plätzen: Das sind Situationen, vor denen die meisten Frauen Angst haben. Gerade in der Fastnachtszeit kann es brenzlig werden.

Denn besonders wo ausgelassen gefeiert und Alkohol getrunken wird, sinkt die Hemmschwelle für Übergriffe. Da kommt es zu Tatschereien im überfüllten Fastnachtszelt, plumper Anmache im Bus, Überfällen in schummrigen Ecken. Wehr dich! – beim Selbstverteidigungskurs des Shodan-Do Karate Vereins Geisenheim lernen Frauen selbstbewusst aufzutreten und sich gegen Angriffe zu schützen. In der Turnhalle der Rheingauschule steht Kursleiter Heinz Zobus 16 Frauen gegenüber, die erfahren wollen, wie man sich in Notsituationen erfolgreich zur Wehr setzt. Bevor es richtig zur Sache geht, greift Zobus realistische Situationen auf und gibt wertvolle Tipps: Es stecke nicht immer gleich eine Absicht dahinter, wenn ein Mann eine Frau berühre. „Wenn der Bus bremst und alle werden durchgerüttelt, kommt es unweigerlich zu Körperkontakt. Da müsst ihr unterscheiden, ist das nur Zufall oder ist es Berechnung, um grapschen zu können.“ Falls dies so ist, muss man laut werden. „Traut euch, macht euch nicht klein, macht euch nicht zum Opfer.“ Wer Selbstbewusstsein ausstrahlt, hat die besseren Karten und kann schon durch lautes Rufen den Angreifer überraschen, der mit vermeintlich leichtem Spiel rechnet. In Spielszenen üben die Teilnehmerinnen das richtige Verhalten.

Angreifer mit Lautstärke vertreiben

„Ihr sitzt im Bus. Einer drängt sich auf den Sitz daneben und fängt an zu fummeln. Was macht ihr?“ Paarweise üben die Teilnehmerinnen diese Situation. „Lassen Sie mich los, Finger weg, hallo, jetzt ist Schluss!“, ruft es durch die Halle, zuerst etwas zögerlich, dann mit immer mehr Nachdruck. Man müsse erst eine gewisse Hemmschwelle überwinden, um richtig laut zu werden, sind sich die Frauen einig.

Wichtig sei auch, so Heinz Zobus, auf die Gefahrensituation aufmerksam zu machen und sich nicht davor zu scheuen, andere Leute um Hilfe zu bitten. „Redet den Angreifer immer mit Sie an, damit die anderen merken, dass es keine Kabbelei unter Freunden ist“, gibt Zobus einen wichtigen Hinweis. Geübt werden auch Situationen wie bei Fastnachtsveranstaltungen, bei denen es richtig eng wird.

Fast alle Teilnehmerinnen haben schon Erfahrung gemacht mit Begebenheiten, die für sie nicht in Ordnung waren. Mit ganzem Körpereinsatz sind die Frauen dabei, wenn es darum geht, einen Angriff von hinten abzuwehren. „Bei Umklammerungen sofort ruckartig beide Arme nach vorne und in den Ausfallschritt gehen, nicht wild herumfuchteln“, mahnt Zobus, der noch viele Tricks verrät, wie den Einsatz des Ellbogens, das Entlangfahren mit dem Fuß am Schienbein des Angreifers oder mit dem Mittelfingerknochen kräftig auf die Hand schlagen, damit sie sich öffnet. Das tut weh!

Seit 2015 bietet die Shodan-Do Karate Schule in Abständen Kurse in Selbstverteidigung an. Mit steigender Nachfrage, vor allem für Mädchen, weiß Mitglied Katrin Berheide, die den Teilnehmerinnen in der Turnhalle ebenfalls zur Seite steht. Dass man nach dem ersten Kurs gleich alles kann, sei nicht möglich. Das muss über längere Zeit geübt werden. Doch das gute Gefühl ist da, nicht machtlos zu sein bei Übergriffen und erprobte Verhaltensweisen abrufen zu können. Fastnacht kann kommen – am besten unbeschwert und ohne Ellbogeneinsatz.

Quelle: Wiesbadener Tagblatt

Foto: RMB/ Margielsky

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