Hier heiraten keine Kinder

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung hat sich gegen ein generelles Verbot von Kinderehen in Deutschland ausgesprochen. Damit stellt Aydan Özoguz eine zivilisatorische Errungenschaft unseres Kulturraumes in Frage: die Liebesheirat

Ob das ansteckend ist wie der schlimme Schnupfen, der gerade herumgeht? Jedenfalls hat sich nach dem notorischen Justizminister Heiko Maas auch dessen Parteikollegin Aydan Özoguz in ihrer Eigenschaft als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung zu Wort gemeldet und Einwände gegen das von der Union geforderte gesetzliche Verbot der Kinderehe in Deutschland erhoben: „Ein pauschales Verbot von Ehen von Minderjährigen ist zwar vielleicht gut gemeint, kann aber im Einzelfall junge Frauen ins soziale Abseits drängen”, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

So. Jetzt erstmal selbst herzhaft in den Arm gezwickt und unauffällig Richtung Himmel geblickt, ob da Scheinwerfer oder Kameras zu sehen sind, für den Fall, dass man als einziger nicht weiß, dass gerade in realer Kulisse eine deutsche Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung gedreht wird – ähnlich wie bei Jim Carrey in der „Truman Show”.

Geschlechtsreife heißt nicht geistige Reife

Ist nicht der Fall. Gut. Dann kurz die Augen gerieben, sich schütteln, und ganz langsam der Reihe nach. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft dieses Kulturraumes, dass ein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht: Eine Ehe soll aus freiem Willen beider Partner geschlossen werden. Der freie Wille, die geistige Reife entwickelt sich erst einige Jahre nach der Geschlechtsreife, weshalb auch die Strafmündigkeit aus guten Gründen an die Existenz beziehungsweise Ausbildung dieser geistigen Reife gekoppelt ist. Auch diverse andere Pflichten und Privilegien sind an diese geistige Reife geknüpft, die man landläufig Volljährigkeit nennt. Nicht die Geschlechtsreife macht den Erwachsenen. Sondern die geistig-sittliche Reife.

Dieser Kulturraum ist mit dem Modell der Ehe zwischen zwei Erwachsenen im Großen und Ganzen gut gefahren. Es bildet – bei all seinen Defiziten und Nachteilen – das Rückgrat unseres gesellschaftlichen Zusammenseins. Es mag hier und da weiter Ehen geben, die stärker von Dritten als von den beiden Hauptpersonen herbeigeführt werden. Aber seit mehr als einem Jahrhundert hat sich hierzulande und im Westen überhaupt mehrheitlich das Prinzip der Liebesheirat im Vollbesitz der geistigen Kräfte beider Beteiligten etabliert.

Das Grundgesetz gilt, nicht die Scharia

Dieser Vorgang war Teil der Emanzipation des Bürgertums vom Adel, also Teil des Aufklärungsprozesses in der Folgezeit der Französischen Revolution. Um ein Churchill-Wort abzuwandeln: Unter den schlechten Formen des Zusammenlebens ist die Ehe zwischen zwei Erwachsenen auch nach allen Variationsversuchen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre immer noch die Beste.

In anderen Ländern und anderen Kulturräumen mag vielleicht etwas Anderes als die Erwachsenenehe funktionieren. Dann sei es so. Darauf hat dieser Rechtsstaat keinen Einfluss. Aber in den Grenzen dieses Landes hat er es. Und da sollte es keiner weiteren Diskussion bedürfen, dass man sich im Prinzip auf ein Verbot der Kinderehe ebenso verständigt wie auf ein Verbot von Diebstahl, Mord und Totschlag. Wer aus guten Gründen und Überzeugung sagt: „Hier gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia”, der muss auch sagen: „Hier heiraten keine Kinder.” Punkt.

Es mag dann im Detail Dinge zu klären geben. Wie verfährt man mit denjenigen, die minderjährig anderswo geheiratet haben. Gilt diese Ehe hier?  Alles diskutierbar, alles hinzukriegen. Aber es geht nicht um diesen oder jenen Spezialfall. Es geht um ein Zeichen. Ein Stoppzeichen.

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Quelle: Cicero

Foto: picture alliance

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