An Silvester werden einige Kieze zu No-Go-Areas

Am Sonntag, in der Silvesternacht, werden dann einige Berliner Kieze gar zu No-go-Areas für Menschen, die nicht von Böllern beworfen werden wollen.

Schon zwei Tage vor dem Jahreswechsel knallt und rumst es in Berlin. Teilweise mit verheerenden Folgen: Am Freitagmittag haben zwei Kinder auf dem Sparrplatz in Wedding mit Böllern gespielt. Ein zehn und ein 13 Jahre alter Junge hantierten mit den Feuerwerkskörpern, als einer explodierte. Der 13-Jährige verlor bei dem Unfall ein Auge, der Zehnjährige erlitt eine Platzwunde am Kopf. Das teilte die Berliner Feuerwehr mit. Es ist wohl der erste schwerwiegende Böllerunfall des Jahres.

Einige Berliner Kieze werden zu No-go-Areas

Am Sonntag, in der Silvesternacht, werden dann einige Berliner Kieze gar zu No-go-Areas für Menschen, die nicht von Böllern beworfen werden wollen.

Dazu zählen die Region rund um das Kottbusser Tor, das nördliche Neukölln und auch der Schöneberger Norden. Vor allem junge Männer liefern sich dort regelrechte Böllerschlachten, komplette Straßenzüge sind verqualmt. Raketen werden aufeinander abgefeuert, nicht in die Luft. Böller fliegen auf Autos, Häuser, Menschen. Am Neujahrstag melden Polizei und Feuerwehr dann jährlich Verletzte, denen unter anderem Finger abgerissen werden. Der Berliner Innenpolitiker Hakan Taş (Linke) will das nicht länger hinnehmen.

Taş hat eine Diskussion losgetreten, die fast jährlich aufflammt: die nach einem Verbot von Böllern in Berlin. “Ich bin kein Freund von Verboten, aber zu Silvester habe ich jedes Jahr große Bauchschmerzen”, sagte er der Berliner Morgenpost. Er sorge sich um die Sicherheit der Berliner, hinzu käme die immense Belastung der Umwelt durch Feinstaub.

Und tatsächlich:

Nach dem letzten Silvesterfest wurden mehr als 500 Menschen mit Verletzungen durch Böller in Berliner Kliniken behandelt. Der Feinstaub, der bei den Silvesterfeuerwerken entsteht, entspricht laut Umweltbundesamt etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge. Die Umweltverschmutzung ist also enorm. Und auch für Tiere ist die Böllerei ein Graus: Wenn es zum Jahreswechsel knallt und stinkt, bedeute dies für Vögel und Vierbeiner Stress pur. “Der Krach ist für viele Tiere belastend, weil sie ein viel besseres Gehör haben als wir Menschen”, so Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Bei vielen Vierbeinern löse die Knallerei sogar Panik aus.

Auf Traditionen verzichten, die allen schaden

Linke-Politiker Taş will deshalb handeln: “Auf Traditionen, die uns am Ende allen schaden, sollten wir verzichten.” Er kann sich deshalb ein stufenweises Böllerverbot in der Berliner Innenstadt vorstellen. Ein Vorbild könne Düsseldorf sein: Dort sei die Knallerei in der Altstadt seit zwei Jahren verboten. Auch viele bayrische Gemeinden haben Böllerverbote ausgesprochen. In den Niederlanden sind böllerfreie Zonen zu Silvester bereits normal: Mehr als 50 niederländische Kommunen richten jährlich feuerwerksfreie Zonen ein. Auch für Berlin könnten bald solche Bereiche benannt werden, meint Taş. Langfristig müsse das Ziel sein, in der Innenstadt nur noch professionelle Feuerwerke an einigen zentralen Plätzen zu veranstalten. “Denn nicht jeder muss Hunderte Böller in die Luft jagen.”

So gefährlich kann das Feuerwerk zu Silvester sein

Auch in den beiden anderen Parteien der rot-rot-grünen Koalition ist man bereit, über den Vorschlag den Innenpolitikers zu diskutieren. Der Tenor: Vor allem gegen den Missbrauch der Böllerei müsse vorgegangen werden. “Ich habe für ein Verbot gewisse Sympathien”, sagte der grüne Innenexperte Benedikt Lux. Er fürchte nur, dass das in einer Metropole wie Berlin schwer durchsetzbar sei. Einfacher sei, die Verkaufszeiten einzuschränken, um das Böllern zumindest einzudämmen. Bislang können Händler bereits drei Werktage vor Silvester Feuerwerkskörper verkaufen. Lux schlägt vor, dass Feuerwerkskörper nur noch am 31. Dezember gehandelt werden dürfen. “So würde auch die Böllerei in den Tagen vor Silvester aufhören.”

Bei der Berliner SPD ist man zurückhaltender. Vor allem der Import und Verkauf von sogenannten Polenböllern müsse verringert werden. “Uns wäre schon viel geholfen, wenn wir die aus dem Verkehr ziehen könnten”, sagte der SPD-Innenpolitiker Frank Zimmermann. Er zeigte sich aber offen, im kommenden Jahr über den Vorschlag von Taş zu diskutieren. “Wir werden uns im kommenden Jahr damit beschäftigen und schauen, wie andere deutsche Städte das handhaben.”

Selbst aus der Opposition erntet der Vorstoß von Taş Zustimmung. Der CDU-Innenexperte Burkard Dregger erklärte zwar, er wolle Familien nicht die Silvesterknallerei verbieten, warnte aber: “Ich kann mir vorstellen, dass man die Böllerei lokal unterbindet, wenn die Silvesternacht zeigt, dass in bestimmten Kiezen erhebliche Sachbeschädigungen stattfinden oder Leib und Leben bedroht sind.” Allerdings warnte Dregger vor Schnellschlüssen. Man müsse sich Zeit nehmen, nach Silvester zu analysieren, welche Lösungen für das Problem sinnvoll seien. Er betonte, dass es deutliche Unterschiede gebe, wie in Berlin mit Böllern umgegangen werde. “In bestimmten Kiezen wird die Knallerei eher übertrieben als in Zehlendorf zum Beispiel”, so Dregger.

Rund ums Kottbusser Tor wird extrem geböllert

Einer dieser Kieze, in denen übertrieben wird, ist die Region rund um das Kottbusser Tor in Kreuzberg. Die Böllerschlachten, die sich dort zum Jahreswechsel geliefert werden, sind berühmt-berüchtigt. Deshalb sagt auch die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, “Nein” zum Böllern. “Alle Jahre wieder wiederholt sich die Diskussion zum Rumgeballer in der Silvesternacht. Es ist extrem teuer, gefährlich, verschmutzt massiv die Umwelt und macht vielen Menschen und Tieren Angst”, erklärte sie. Berlin solle sich ein Vorbild nehmen an Städten, die das Böllern untersagt haben. “Dort gibt es ein zen­trales Feuerwerk und gut ist.”

Wenn sich schwere Unfälle wie am Freitag schon Tage vor Silvester ereignen, wenn die Böllerschlachten sich wiederholen, werden sich die Berliner im kommenden Jahr also wohl auf Einschränkungen einstellen müssen.

Quelle: https://www.morgenpost.de/berlin/article212974289/An-Silvester-werden-einige-Kieze-zu-No-Go-Areas.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.