Warum die Wiesn nicht sicher sein kann

Die Wiesn ist nicht nur das größte Volksfest der Welt, jetzt soll sie auch noch so sicher werden wie kein anderes. Doch das ist utopisch.

München vermarktet sein Oktoberfest als das größte Volksfest der Welt. Nun soll es auch noch eines der sichersten werden. Unter dem Eindruck von Terroranschlägen und Amoklauf sichern Stadt und Polizei die letzte freie Lücke des Festgeländes mit einem Zaun und verbieten Rucksäcke. Ist damit Sicherheit auf der Wiesn garantiert? Nein, denn es sind nur symbolische Maßnahmen rund um ein Fest, dessen Charakter jedem Sicherheitsgedanken von vornherein widersprechen muss.

Die Wiesn ist nämlich vor allem eines: ein großer kollektiver Exzess von Massen. Nur wenige haben ihn so schön beschrieben wie der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe Ende der 1920er-Jahre: “Es gab keinen erhabeneren Himmel als eben dieses Paradies von Stopf und Pfropf. Alle Seelenqual war hier vergessen.” Der Himmel – das ist die Wiesn noch immer jedes Jahr für sechs Millionen Menschen, die ihren Spaß bei Essen und Trinken, Singen und Schunkeln, Gaffen und Grapschen suchen.

Es ist ein Geschenk für Marketingmenschen, die das Oktoberfest längst zum internationalen Symbol für München und Bayern gemacht haben, noch vor dem FC Bayern und BMW. Es ist ein Segen für die Wirtschaftsförderer, denn die Wiesn spült jedes Jahr eine knappe Milliarde Euro in die Kassen der Münchner Hoteliers, Einzelhändler, Taxifahrer. Und es ist das Paradies für die Wiesn-Wirte, deren sagenumwobene Rendite einer von ihnen so taxierte: “Eine Doppelhaushälfte sollt scho’ übrig bleiben” – pro Wirt und Jahr, versteht sich. Das Oktoberfest ist eine Fetzengaudi, die sich über die Massen an Bier, Menschen und Geld definiert.

Genau deshalb ist die Wiesn die Hölle für die ängstlicheren und nüchterneren Münchner, vor allem aber für die Sicherheitsbehörden. Seit dem Attentat von 1980, bei dem 13 Menschen starben, und seit den Drohungen von al-Qaida gegen das Oktoberfest 2009 wissen sie, dass die Wiesn eben auch ideales Anschlagsziel für Terroristen und Irre aller Art sein könnte. Daran haben die Attentate von Paris, Nizza, Würzburg, Ansbach nichts geändert, es gibt auch keine konkreteren Drohungen als in den Jahren zuvor.

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Es gibt aber seit diesen Gewalttaten eine fast schon hysterische Debatte über Sicherheit im öffentlichen Raum. Also diskutierten Münchens Politiker seit Wochen aufgeregt, wie man denn die Wiesn schützen könnte. Und so kam es nun zu Zaun und Rucksackverbot, dazu noch 450 Sicherheitskräfte, die die Stadt einsetzen will.

Absolute Sicherheit kann es nicht geben

Uniformierte am Gitterzaun – das mag Besucher beruhigen, die aus Angst ihren Wiesn-Ausflug infrage stellten. Überzeugte Gewalttäter mit ausgeklügelten Plänen hält das aber nicht auf. Das Konzept schafft sogar neue Probleme, etwa ein gefährliches Gedränge an den Eingängen – wo 1980 eine Bombe explodierte. Absolute Sicherheit könne es eben nicht geben, sagen die Verantwortlichen, schon gleich gar nicht außerhalb des Festgeländes. Damit haben sie recht, verraten aber auch, dass es ihnen nur um eine Rückversicherung im Vorhinein geht: Sollte wirklich etwas passieren, können Polizei und Stadt immerhin sagen, sie hätten alles getan.

Wirklich alles? Nein, wer mehr Sicherheit garantieren möchte, müsste massiv in das Fest eingreifen. Die drangvollste Enge herrscht in und zwischen den Zelten. Trotzdem werden wieder 14 Biertempel dicht an dicht aufgebaut. Die größte Gefahr sehen Experten in einer Massenpanik, wie sie München erst neulich beim Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum erlebte hat. Dafür reichten ein paar Falschmeldungen auf Facebook und Twitter. Trotzdem denkt niemand über ein Handyverbot auf der Wiesn nach. Und schließlich: Ein Fest mit fast sechs Millionen Besuchern bleibt unkontrollierbar – trotzdem sind Zugangsbeschränkungen oder Platzkarten fürs Oktoberfest zu Recht ein Tabu. Eine Wiesn ohne Massenexzess wäre eben keine Wiesn mehr.

Es geht um die Freiheit – und um die Einnahmen

Natürlich geht es um massive wirtschaftliche Interessen. Schon die vage Terrordrohung von 2009 hatte tiefe Löcher in Münchens Kassen gerissen. Es geht im Kern aber auch um die Frage, welche Feste man das Volk in Zeiten des Terrors noch feiern lässt, wie viele Beschränkungen ein Volksfest verträgt. Das Oktoberfest ist ja wie jede Kirmes eine ferne Erinnerung an die Jahrmärkte vergangener Zeit. Da durften die Menschen wenigstens einmal im Jahr ausgelassen feiern und alle “Seelenqual” vergessen, um mit Tom Wolfe zu sprechen.

Volksfeste garantierten ungeahnte Freiheiten, auch zum Besäufnis, zu Schlägereien und schlimmeren Dingen. So lag im größten Spaß schon immer auch das größte Risiko, erst recht auf der Wiesn. Jeder muss selbst entscheiden, ob er sich darauf einlässt. Ein Zaun macht diese Entscheidung nicht leichter.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/oktoberfest-spass-und-risiko-1.3124654

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