Das Misstrauen wächst

Die Bevölkerung hat das Recht, relevante Informationen wie die Nationalität zu erfahren, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der Zürcher Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (Alternative Liste) gab am Dienstag bekannt, dass er per sofort die Nationalität von Tätern in Medienmitteilungen nicht mehr nennen würde. Dies sei diskriminierend, schüre Ressentiments und liefere fremdenfeindlichen Menschen Futter. Den Entscheid halte ich für falsch. Die Bevölkerung hat das Recht, relevante Informationen zu erfahren, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Natürlich ist es kein juristisches Recht, sondern meine subjektive Empfindung als Bürgerin, die mir sagt, dass ich vorhandene Daten bei einer Straftat erhalten sollte – wie auch bei einem schweren Unfall. Gerade diese Woche geschah etwas Unfassbares, ein 80-Jähriger fuhr in Lenzburg eine 19-Jährige auf dem Zebrastreifen tot. Durch die Altersangabe könnte suggeriert werden, dass ältere Menschen ein grösseres Unfallrisiko darstellen. Ist es deswegen Altersdiskriminierung?

Man neigt dazu, Daten selektiv zu interpretieren, so, dass sie zu seiner vorgefassten Meinung passen.

Die starke Zuwanderung von Männern aus fremden Kulturkreisen bringt einige gesellschaftliche Schwierigkeiten mit sich. Ich fühle mich nicht sicherer, wenn ich die Nationalität der (mutmasslichen) Täterschaft kenne. Aber: Eine Nationalität ist wie Geschlecht und Alter Teil der Informationen, aufgrund derer ich Ereignisse besser einzuordnen und mir einen Überblick über mögliche Probleme zu verschaffen vermag. Es ist auch eine Datensammlung als Entscheidungshilfe für Wahlen, zum Beispiel bei verkehrspolitischen Entscheiden oder Integration. Ein Controlling, mit dem die Bevölkerung abwägen kann, ob sich die Massnahmen der Politik als wirkungsvoll erweisen.

Auch statistisch gesehen ist die Ausweisung der Nationalität bei Tätern relevant, denn ohne Problemerkennung befänden wir uns auf einem Blindflug, oder, wie es Florian Schoop in der NZZ eleganter formuliert: «Hier geht es um die Interpretation von Symptomen, die zu einem Befund führen können. Und dieser Befund bringt eine Gesellschaft weiter als das Vorenthalten von relevanten Informationen. In Zukunft bleiben diese Symptome leider im Dunkeln.»

Gewiss, man neigt dazu, Daten selektiv zu interpretieren, so, dass sie zu seiner vorgefassten Meinung passen. Das ist aber nicht das Problem der Datenmitteilung, sondern des Individuums und seiner persönlichen Vorurteile. Durch das Verschweigen von Informationen lösen sich Vorbehalte aber nicht plötzlich in Luft auf. Im Gegenteil, so entstehen Gerüchte, Feindseligkeit, man schürt noch mehr Ressentiments gegenüber jenen Gruppen, die man eigentlich schützen möchte. Ganz nebenbei: Verschwiegenheit ist auch dem Vertrauen zwischen Bürger und Staat nicht gerade zuträglich.

Vertrauen begünstigt ein friedliches Zusammenleben der Bewohner in einem Land.

Transparenz ist laut Wolff gewährleistet, da «Medien auf Nachfrage bei der Polizei die Nationalität erfahren können». Es ist eine Pseudo-transparenz, denn in Realität ist ein gezieltes Nachfragen aufgrund von Zeitmangel auf Redaktionen oft zu aufwendig und Medienmitteilungen werden häufig eins zu eins übernommen.

Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen begünstigt ein friedliches Zusammenleben der Bewohner in einem Land. Etwas mehr Zuversicht uns gegenüber wäre angebracht statt der unsäglichen Bevormundung. Die allermeisten Menschen können Informationen abstrahieren, wissen, dass sich Einzelfälle nicht verallgemeinern lassen und ziehen nicht reflexartig fixfertige Rückschlüsse. Probleme gehören offen angesprochen. Wer das für Diskriminierung hält, verschliesst sich der Realität.

Quelle: https://bazonline.ch/schweiz/das-misstrauen-waechst/story/11219774

Foto: Keystone

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