BKA untersucht sexuelle Übergriffe in Ahrensburg

Urteil: “Tatbegünstigende Strukturen”. Großteil der Verfahren wegen sexueller Nötigung, Beleidigung und Diebstahls eingestellt.

Mehr als sieben Monate nach den sexuellen Übergriffen auf junge Frauen beim Ahrensburger Stadtfest im Juni 2016 ist ein Großteil der Ermittlungsverfahren eingestellt worden. In insgesamt 25 Fällen mit 29 Opfern hat die Staatsanwaltschaft Lübeck wegen sexueller Nötigung, Beleidigung auf sexueller Basis und Diebstahls ermittelt.

Wie berichtet, kippte die Stimmung am späten Sonnabend, 11. Juni, als eine Gruppe jüngerer Männer, die später von den Opfern übereinstimmend als “afrikanisch aussehend” beschrieben wurden, zum Disco-Turm kam. Die Bühne an der Hamburger Straße ist besonders bei jungen Stadtfest-Besuchern beliebt. Die berichteten später, dass aus der Gruppe heraus junge Frauen begrapscht wurden.

Viele junge Menschen wurden Opfer von “Antanzdiebstählen”

Die zum Teil noch jugendlichen Mädchen erstatteten später Anzeige. Zahlreiche junge Stadtfest-Besucher wurden zudem Opfer eines sogenannten Antanz-Diebstahls. Dabei umarmen die Täter ihr Opfer und tanzen mit ihm – mit dem Ziel, ihm Portemonnaie und Handy aus der Taschen zu ziehen. “22 dieser Verfahren wurden eingestellt, weil keine Täter ermittelt werden konnten, beziehungsweise weil kein hinreichender Tatverdacht bestand”, sagt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. In Lübeck werde derzeit noch ein Verfahren wegen Beleidigung auf sexueller Basis geführt, in dem gerade ein sogenannter Täter-Opfer-Ausgleich laufe. Der hat zum Ziel, dass durch ein bestimmtes Schlichtungsverfahren das Opfer die Tat verarbeiten kann und der Täter aus ihr lernt und keine weiteren Taten begeht.

In Hamburg wird noch gegen elf Beschuldigte ermittelt

Das umfangreichste Verfahren wegen sexueller Nötigung ist allerdings von der Staatsanwaltschaft Lübeck nach Hamburg abgegeben worden. Grund: Bei jugendlichen Tätern gilt das Wohnortprinzip. Die insgesamt elf Beschuldigten, die zum Großteil einen Migrationshintergrund haben, sind in Hamburg gemeldet. “Der Fall wird von unserer Abteilung für Sexualstraftaten geführt”, sagt Nana Frombach, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg, auf Abendblatt-Anfrage. “Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.” Ob es zur Anklage kommt, könne sie daher noch nicht sagen.

Mit den Vorfällen auf dem Ahrensburger Stadtfest hat sich auch das Bundeskriminalamt in Wiesbaden beschäftigt. Das berichtet der “Kölner Stadtanzeiger” und zitiert aus einem vertraulichen Bericht, der die massiven Übergriffe auf Frauen in Köln, Hamburg und weiteren Großstädten in der Silvesternacht vor gut einem Jahr aufarbeiten soll. Eine Arbeitsgruppe habe sich mit der Frage beschäftigt, wie es zu den massiven sexuellen Übergriffen auf Frauen kommen konnte.

In Ahrensburg gab es laut BKA “tatbegünstigende Strukturen”

Das Bundeskriminalamt wollte den Inhalt des Berichts gegenüber dem Abendblatt weder bestätigen noch dementieren. “Es handelt sich um einen internen Bericht, den kommentieren wir nicht”, so Sprecherin Barbara Hübner. Laut “Kölner Stadtanzeiger” sind die Ermittler aus mehreren Bundesländern in dem Bericht zu dem Ergebnis gekommen, dass es solche Taten – aus einer großen Männergruppe – heraus zuvor in dieser massiven Form nicht gegeben habe und sie daher für die Polizei nicht vorhersehbar gewesen seien. Dafür hätten sie sich laut BKA-Bericht aber im Laufe des darauffolgenden Jahres, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß, wiederholt – und zwar unter anderem beim Ahrensburger Stadtfest.

Laut BKA-Bericht gebe es Parallelen zu den Silvester-Vorfällen . Als Gründe hätten die Ermittler “tatbegünstigende Strukturen” ausgemacht: Die Veranstaltung ist kostenlos, frei zugänglich, verkehrstechnisch gut erreichbar, stark besucht und unter freiem Himmel. Zudem sei das Mitbringen von Alkohol erlaubt und die Zahl der Ordnungs- und Polizeikräfte gering gewesen. Diese “Strukturen”, so empfehle das BKA, müssten bei künftigen Veranstaltungen “konsequent reduziert” werden, damit sich solche Vorfälle nicht mehr wiederholen.

Die Polizei in Ahrensburg betont indes, dass sie während des Stadtfestes sehr gut aufgestellt war. Polizeisprecher Marco Hecht-Hinz: “Als es zu den Taten kam, waren schnell genug Kräfte vor Ort.” Damit es aber bei künftigen Stadtfesten nicht mehr zu solchen Übergriffen komme, “werden wir die Vorkommnisse des vergangenen Jahres bei der Planung für das Stadtfest 2017 berücksichtigen”. Auch das Ahrensburger Stadtforum, Organisator des Festes, arbeitet an einem neuen Sicherheitskonzept. “Einzelheiten können wir noch nicht nennen”, sagt die Sprecherin Antje Karstens. Denn derzeit sei der Verein noch mit Verwaltung, Polizei und Feuerwehr im Gespräch.

Quelle: Abendblatt

Foto: Stella Bandemer / HA

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