Couragiertes Eingreifen endet mit Gefühl von Ohnmacht

Eine Zeugin will Anzeige wegen Körperverletzung gegen einen Mann erstatten, aber die Polizei wiegelt ab. Eine Anzeige habe doch eh keinen Zweck mehr, habe es geheißen.

Die Polizei lobt Susanne Liedtke. Sie habe couragiert und richtig gehandelt, und dies habe man ihr auch persönlich mitgeteilt. Diesen Anruf erhielt die Frau, die im Bremer Umland wohnt, allerdings vom Beschwerdemanagement der Polizei. Denn zuvor war die Kommunikation zwischen Behörde und couragierter Bürgerin nicht ganz so gelaufen, wie eigentlich vorgesehen. Oder, wie es die Pressestelle der Polizei ausdrückt: Sie entsprach nicht dem „Standard, an dem wir uns messen lassen müssen“.

An einem Samstagabend gegen 21.30 Uhr war Susanne Liedtke gerade mit ihrem Fahrrad von der Überseestadt in Richtung Bahnhof unterwegs. Auf Höhe der Doventorscontrescarpe sah sie an einer Straßenbahnhaltestelle einen Mann, der auf eine vor ihm sitzende Frau einschrie und sie ohrfeigte, erzählt sie. Der Mann war etwa Mitte 30, sprach Deutsch, hatte aber einen Migrationshintergrund. Die Frau trug ein langes Gewand und Kopftuch.

Sie rief dem Mann über die Straße zu, dass er die Frau sofort in Ruhe lassen soll. Daraufhin griff der sich Steine aus dem Gleisbett und warf sie nach ihr. „Zum Glück hat er mich aber nicht getroffen.“ Susanne Liedtke flüchtete um die nächste Ecke, hielt dann sofort an und schilderte der Polizei via Notruf den gesamten Vorfall. Dort teilte man ihr jedoch mit, dass gerade kein Streifenwagen zur Verfügung stand, berichtet sie.

Zeugin will Anzeige erstatten

Die Polizei bestätigt dies. Parallel zum Anruf von Susanne Liedtke habe es ganz in der Nähe einen Raubüberfall auf eine Tankstelle gegeben, der eine Vielzahl von Streifenwagen gebunden hätte. Zudem habe die Anruferin auf Nachfrage geschildert, nicht mehr vor Ort zu sein und nicht verletzt worden zu sein. Eine Beschreibung des Täters oder der Frau, beziehungsweise zu deren möglichen Verletzungen, habe die Anruferin nicht geben können. Und sie habe auch nicht gewusst, ob die handelnden Personen noch vor Ort seien.

Doch dies war noch nicht das Ende der Geschichte. Am Sonntag und am Dienstag hat Susanne Liedtke noch zweimal bei der Bremer Polizei angerufen, um Anzeige zu erstatten. „Mir war das wichtig. Ich wollte nicht einfach hinnehmen, dass mich ein Mann mit Steinen bewirft“, sagt sie und betont: „Es ist mir dabei völlig egal, ob es sich um einen deutschen, türkischen oder arabischen Mann handelt.“ Auch könne es nicht angehen, dass ein Mann einfach so eine Frau ohrfeigt. Solche Umgangsformen seien nicht in Ordnung. „Dafür wollte ich sensibilisieren.“

Liedtke fühlt sich alleine gelassen

Doch bei der Bremer Polizei scheiterte sie mit diesem Anliegen. „Eine Anzeige hat doch eh keinen Zweck mehr“, habe es geheißen. Zudem habe man ihr erklärt, dass in ihrem Fall ja gar keine Körperverletzung vorliege. „Ich könnte höchstens als Zeuge etwas sagen.“ Susanne Liedtke findet all dies frustrierend. „Ich fühle mich ohnmächtig und alleine gelassen.“ Und es ärgere sie, dass der Mann an der Bushaltestelle völlig ungeschoren davon gekommen ist. „Er hat keinerlei Signal bekommen, dass er so was nicht machen darf.“ Anzeige hat sie letztlich aber doch erstattet. Allerdings nicht in Bremen, sondern bei der Polizei in ihrem niedersächsischen Wohnort.

Mit dem Verlauf der Telefonate am Sonntag und Dienstag ist auch die Bremer Polizei nicht glücklich. Man bedauere dies, sagt deren Sprecher Stephan Alken. „Selbstverständlich nehmen wir die Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern ernst.“ Man habe deshalb bereits Kontakt zu der Anruferin aufgenommen. Zudem sei „eine Nachbereitung der Telefonsituation mit dem noch zu ermittelnden Mitarbeiter angestrebt“.

Quelle: http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Couragiertes-Eingreifen-endet-mit-Gefuehl-von-Ohnmacht-_arid,1441623.html

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