Zu dem Grapscher sprechen Stimmen

Der Fall ist schon wegen seines Tatorts erstaunlich: In der Wellheimer Pfarrkirche soll ein Asylbewerber die Mesnerin sexuell bedrängt haben. Vor dem Ingolstädter Amtsgericht kommen auch weitere Übergriffe zur Sprache – und eine mögliche Erklärung: Der Nigerianer war in der Psychiatrie.
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Was sich seit gestern im Sitzungssaal des Ingolstädter Amtsgerichts abspielt, ist aus vielerlei Gründen ein herausragender Fall. Denn als Angeklagter sitzt dort ein Asylbewerber aus Nigeria, der bei oberflächlicher und negativer Betrachtung genau das belegt, was unzählige Angstmacher und Hetzer in sozialen Netzwerken immer wieder anführten: Angeblich wahllos und zügellos soll sich dieser dunkelhäutige Mann hier an Frauen herangemacht haben, sie bedrängt und auch begrapscht haben. Das ging von einfachen Berührungen und kleinen Zudringlichkeiten bis hin zu den zwei Fällen aus der Anklage: Am 20. Dezember soll der Mann die Mesnerin in der Sakristei der Wellheimer Pfarrkirche unsittlich berührt und mit heruntergelassener Hose von hinten bedrängt haben. Und an Silvester soll er in einem Eichstätter Altenheim bei einer jungen Mitarbeiterin auch massiver zudringlich geworden sein. Als sie sich wehrte, habe er sie sogar geohrfeigt – wozu er sich vor Gericht aber nicht äußern wollte; wie beim Rest auch.

Doch ganz so einfach und holzschnittartig ist dieser Fall dann doch nicht, wie er gemacht werden könnte. Denn bei den Übergriffen geht die Staatsanwaltschaft von sexueller Belästigung aus, was noch eine ganz andere Dimension als zum Beispiel versuchte Vergewaltigung ist – aber natürlich trotzdem nichts über deren psychische Folgen für die Opfer aussagt. Davon konnte die Mesnerin der Wellheimer Kirche gestern berichten, die ausführlich schilderte, wie Samstagfrüh plötzlich ein großer dunkelhäutiger Mann an der Seite des Hilfsorganisten im Pfarrhof stand und auf Englisch wohl nach “Church and money” (Kirche und Geld) fragte. Da das Gotteshaus ohnehin offen war, führte sie ihn hin, machte sich “keine Gedanken”, wusste wegen der Sprachbarriere aber auch nicht, was der Mann wirklich wollte. Allein mit ihr in der Sakristei ließ er offenbar die Hosen rutschen, umfasste und betatschte die dick eingepackte Frau – allerdings nicht im Genitalbereich, wie sie bestätigte. “Das war natürlich ein riesiger Schreck”, sagte die Geschädigte trotzdem. Sie konnte sich damals losreißen, während der mutmaßliche Täter durch das Hauptportal verschwand. “Anfangs wollte ich überhaupt nicht mehr in die Kirche rauf”, sagte sie. Aber das habe sich inzwischen gelegt. Auch ihr Umgang mit den restlichen Asylbewerbern im Ort sei nachhaltig gestört gewesen. “Ich habe in jedem das Böse gesehen.” Aber auch hier habe sich alles normalisiert.

Zumal der Nigerianer auch im Wellheimer Lager der Flüchtlinge unbeliebter Sonderling gewesen sein soll. Bewohner hatten die Eichstätter Polizei und einen Caritas-Mitarbeiter vor Weihnachten sogar aufgefordert, ihn aus der Unterkunft zu entfernen. Denn auch dort war es zu Spannungen gekommen. Die Behörden nahmen ihn sich einmal zur Brust, wie ein Polizeibeamter berichtete, da er sogar im Wellheimer Rathaus einige Mitarbeiterinnen “umgarnt” hatte, was die aber verständlicherweise nicht wollten. Von strafrechtlicher Relevanz waren die Fälle wohl weit entfernt. Nicht einmal die Mesnerin hatte aber nach dem Sakristei-Erlebnis eine Anzeige erstattet. Warum – das wollte Richter Christian Veh gestern schon wissen. “Schwarz und groß.” Mehr habe sie damals in der Aufregung als Täterbeschreibung nicht angeben können. Wobei sie den Mann später bei der Polizei auf Fotos eindeutig identifizierte und auch im Gerichtssaal als mutmaßlichen Täter wiedererkannte.

Außerdem habe sie damals die Öffentlichkeit mit Blick auf den Tatort Kirche gefürchtet. Die kam dann umso mehr, als der Fall seine spezielle Offenbarung erlebte: Denn erst als der Wellheimer Ortspfarrer Wochen später im Internet bei Hetzartikeln das “Gefällt mir”-Häkchen setzte und dadurch in die Diskussion geriet, kamen auch die Belästigungsvorwürfe strafrechtlich ins Rollen. Der mutmaßliche Täter war schnell ermittelt und auch verhaftet, weil ja schon mehr oder weniger polizei- und behördenbekannt. 22 Jahre soll er alt sein, was dem Augenschein nach nicht stimmen kann. Sogar “auf Mitte 30” schätzte ihn gestern vor Gericht der Amtsarzt des Eichstätter Landratsamtes, dem eine interessante Rolle zukommt: Denn er hatte Mitte Januar nach mehreren sexuell motivierten Belästigungen die vorläufige Unterbringung des Flüchtlings in der Psychiatrie beantragt. Schon von Mitte November bis Anfang Dezember war der geistig verwirrt wirkende Mann in München-Haar in Behandlung. “Er sei Christ und höre die Stimme Gottes, die er verbreiten will”, berichtete der Amtsarzt von der Untersuchung des Angeklagten, der wie “stark unter Spannung” wirkte. “Außerdem brauche er dringend eine Frau”, habe es damals geheißen.

Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Dann sagt das mutmaßliche Opfer aus dem Altenheim aus. Außerdem wird das Urteil erwartet.

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