Berliner Rentner Bei ihnen sehen Räuber alt aus

Wenn der Regenschirm zur Waffe wird! Ältere Menschen sind für Räuber vermeintlich leichte Opfer. Doch einige Senioren haben jetzt den Kampf gegen Gewalttäter aufgenommen. Einige fitte Rentner wollen sich wehren. Dafür lernen sie in einem Selbstverteidigungskurs Gegenstände aus dem Alltag einzusetzen.

Der Gehstock wird zur Waffe

Dieser eine Tag vor vier Jahren am Berliner Hauptbahnhof hängt Jutta Schmidt noch immer nach. Sie wollte verreisen, bugsierte ihren Koffer auf den Bahnsteig und plötzlich war die Handtasche weg. „Das Trauma ist nicht ganz verschwunden“, sagt die 81-Jährige. „Ich bin immer noch vorsichtig.“

Doch sie glaubt: Sollte ihr heute etwas passieren, könnte sie sich besser wehren. Jutta Schmidt ist eine von acht Teilnehmern in einem Kurs für Selbstverteidigung. Dort lernen Senioren, sich gegen Angreifer zu wehren – zur Not auch mit Gehstock oder Regenschirm.

Das Körpergewicht nutzen

Jeden Donnerstag treffen sich die fünf Frauen und drei Männer im Seniorenklub Lindenufer in Spandau. Luigi Parise, in Jogginghose und Trainingsshirt, begrüßt alle mit festem Händedruck. Seit zwei Jahren gibt der Trainer Selbstverteidigungskurse speziell für ältere Menschen. „Senioren sind vor allem für Räuber einfache Opfer – nicht mehr so agil, dafür umso ängstlicher“, sagt Parise.

Für die Übungen stehen sich immer zwei Teilnehmer gegenüber, abwechselnd trainieren sie Schläge mit Händen und Armen. Den Angreifer zu verletzen, sei niemals das Ziel, sondern nur der letzte Ausweg, sagt der Trainer.

Jutta Schmidt hält den Schirm fest, die rechte Hand am Knauf, die linke hinter der Spitze. Mit einem Schritt nähert sie sich ihrem Trainingspartner und sticht mit Schwung in ein Polster vor dessen Bauch. Die Sicherheitsschirme mit Stahlspitze und Glasfaserstab gelten als unzerstörbar.

„Nicht ausholen, da steckt nicht genug Kraft hinter“, erinnert Parise. Stattdessen sollten die Senioren ihr volles Körpergewicht nutzen. „Dann ist der Schirm wie eine legale Waffe.“ Theoretisch könne man auch einen Krückstock nehmen, sagt der Trainer.

Nur ein Teil der Wahrheit

Tatsächlich gibt es Menschen, die Räuber mit einem Stock in die Flucht schlagen konnten. In Berlin wehrte sich im Februar eine 56-Jährige mit ihren Krücken, als ihr jemand die Handtasche entreißen wollte – mit Erfolg.

Statistisch gesehen werden Senioren aber nur selten Opfer von Straftaten. Der Kriminalstatistik der Berliner Polizei zufolge waren 2016 nur 5,9 Prozent der Opfer 60 Jahre oder älter. Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert.

Für Brigitte Wussow sind die Zahlen nur ein Teil der Wahrheit. „Es gibt auch eine gefühlte Sicherheit und die hat definitiv abgenommen“, sagt die 65-Jährige. Als Wussow vor wenigen Monaten in die Seniorenvertretung des Bezirks gewählt wurde, sei Sicherheit ein großes Thema gewesen. Vor allem ältere Frauen hätten Angst auf der Straße, berichtet sie. Daraufhin initiierte sie den Kurs.

Selbstbewusstes Auftreten ist wichtig

Jutta Schmidt meldete sich sofort an. Auch wenn sie nicht weiß, wie sie in so einer Situation tatsächlich reagieren würde, fühle sie sich jetzt sicherer.

„Der Angreifer denkt doch: Die Alte wehrt sich nicht. Mit meiner Reaktion kann ich ihn überraschen.“

Tatsächlich sei ein selbstbewusstes Auftreten Teil der Selbstverteidigung. Darum lernten die Teilnehmer zunächst das Schreien – so ließen sich Angreifer oftmals schnell in die Flucht schlagen.

Quelle: https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/berliner-rentner-bei-ihnen-sehen-raeuber-alt-aus-30173326

Foto: dpa/Kristin Bethge

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