Schutzzonen für begrapschte Frauen gehören in Deutschland nun dazu

Auch zwei Jahre nach den Silvester-Übergriffen in Köln ist die Angst vor sexueller Gewalt bei den Feierlichkeiten groß. Berlin richtet nun eine Schutzzone für Frauen ein. Auch andere Städte haben ihr Sicherheitskonzept angepasst.

Erstmals wird es bei einer öffentlichen deutschen Silvesterparty eine spezielle Schutzzone für Frauen geben. In die „Women’s safety area“ (Sicherheitsbereich für Frauen) vor dem Brandenburger Tor in Berlin können sich Frauen flüchten, die angegrapscht worden sind. „Das ist einfach ein Zelt, in das Frauen gehen können, die sich belästigt fühlen“, erklärte Anja Marx, Sprecherin der Silvester in Berlin GmbH, im Gespräch mit der WELT.

In diesem Zelt stehe während der gesamten Silvesterparty eine Handvoll Kriseninterventionsspezialisten des Roten Kreuzes für die Frauen bereit. Die Idee dazu sei von der Berliner Polizei gekommen. Bei mehreren Sicherheitsbesprechungen habe man sich auf ein solches Konzept verständigt. Wer auf der Festmeile von aggressiven Fremden belästigt oder gar körperlich bedrängt wird, solle diese Personen sofort und eindeutig abweisen und andere Besucher lautstark um Hilfe bitten, heißt es außerdem in einer Mitteilung der Silvester in Berlin GmbH.

Die Stadt München habe während des vergangenen Oktoberfestes mit einer solchen Sicherheitszone nur für Frauen gute Erfahrungen gemacht, sagte Marx. 260 Frauen hätten sich damals in die Schutzzone geflüchtet, 30 davon später Anzeige erhoben. „Natürlich raten wir grundsätzlich allen Frauen dazu, Anzeige zu stellen“, sagte Marx. Aus der Erfahrung wisse man aber auch, das dies nicht alle Frauen wollten.

Damit die Wege kurz bleiben, ist die Berliner Polizei wenige Meter entfernt vom Zelt mit einer mobilen Wache im Einsatz. Flankiert wird das Ganze von einem Sanitätszelt des Deutschen Roten Kreuzes. „Grundsätzlich raten wir Betroffenen immer, sich an die Polizei zu wenden“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf der WELT. Nur so könne verhindert werden, dass sich Tätergruppen ständig neue Opfer suchen. Das Schutzzelt sei vor allem dann geeignet, wenn Straftaten noch nicht geschehen seien – betroffene Frauen sich aber bereits unwohl fühlten. „Seit Köln ist das natürlich ein Thema“, sagte Neuendorf.

An Silvester im vergangenen Jahr hatten 14 Frauen bei der Party vor dem Brandenburger Tor Anzeige erstattet. Um die Sicherheit zu gewährleisten, sind auf der Berliner Silvestermeile Hunderte Polizeibeamte im Einsatz. Insgesamt wurde die Hauptstadt-Polizei diesmal für die wohl einsatzintensivste Nacht des Jahres um 1600 Beamte zusätzlich verstärkt. Kritisch ist dabei nicht nur die Meile rund um das Brandenburger Tor. Auch in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln rechnet die Polizei mit vielen zusätzlichen Einsätzen. Das hätten die bisherigen Erfahrungen gezeigt.

Köln: „Niederschwellig und konsequent einschreiten“

Auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz waren in der Silvesternacht 2015/16 viele Frauen sexuell bedrängt und beraubt worden. Die Täter waren überwiegend Gruppen alkoholisierter junger Männer aus Maghrebstaaten. Ähnliche Vorfälle – wenn auch in geringerem Ausmaße – wurden in jener Nacht auch aus vielen anderen deutschen Städten gemeldet. 2017 soll sich Ähnliches auf keinen Fall wiederholen; bereits zum Jahreswechsel 2016 hatte die Polizei die Lage vergleichsweise gut im Griff.

Von den insgesamt 40.000 Polizisten in Nordrhein-Westfalen sollen an Silvester landesweit 5700 im Einsatz sein, davon allein 1400 in Köln. „Zu 100 Prozent kann ich nichts ausschließen, weil ich nicht garantieren kann, wie sich eine solche dynamische Lage im Einzelfall entwickelt“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). Es gebe den klaren Auftrag, „niederschwellig und konsequent einzuschreiten“. Mehr Videokameras und bessere Beleuchtung sollen die Sicherheit zwischen Kölner Hauptbahnhof und Dom erhöhen.

Beim Jahreswechsel 2015 auf 2016 hatten sich viele der Täter wohl nicht nur unmittelbar in Flüchtlingsheimen, sondern auch über soziale Medien wie Facebook und WhatsApp dazu verabredet, gemeinsam in Großstädte wie Köln zu fahren. Das ergab 2016 das Gutachten eines Rechtspsychologen. Ob es solche Verabredungen auch dieses Jahr geben wird, ist offen. Eine Recherche der WELT in arabischsprachigen Facebook-Gruppen, in denen sich besonders viele Migranten austauschen, brachte keine Erkenntnisse in dieser Richtung.

Auch in Hamburg waren vor zwei Jahren Hunderte Frauen in der Silvesternacht belästigt worden. Die Staatsanwaltschaft leitete 245 Ermittlungsverfahren ein; die Rede ist von 401 geschädigten Frauen. Weil sich dieses Szenario bereits beim vergangenen Jahreswechsel nicht wiederholt hatte, will sich die Polizei an dem entsprechenden Einsatzkonzept orientieren. 2016 waren nach Angaben der Polizei mehr als 500 Beamte an zentralen Orten in Hamburg im Einsatz. Neben der neuen Videoüberwachung am Jungfernstieg wird es dieses Jahr zusätzlich eine zweite mobile Wache in der Nähe der Reeperbahn geben. Zudem sollen dunkle Orte ausgeleuchtet werden und Absperrgitter bereitstehen.

Auch in Frankfurt wappnet man sich. Im vergangenen Jahr war erstmals eine Sicherheitszone um den Eisernen Steg am Main eingerichtet worden – einer der zentralen Punkte in der Stadt, um ins neue Jahr zu feiern. Die Stadt hatte Ende 2016 mit ihrem verschärften Sicherheitskonzept auf die sexuellen Übergriffe aus dem Vorjahr reagiert. Rund 600 Polizisten waren im Einsatz; dieses Jahr werden es ebenso viele sein.

500 Meter Bauzaun und 400 Tonnen Betonelemente werden zudem eingesetzt, um Anschläge wie den auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Dezember 2016 zu verhindern. Ein sogenannter Powermoon – ein besonders leistungsstarker Leuchtballon – soll den Brückenkopf am Eisernen Steg ausleuchten. „Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“, sagte Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU). Trotzdem täten Stadt und Land alles, damit der Silvesterabend friedlich verläuft.

Kritik der Deutschen Polizeigewerkschaft

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) sieht laut einem Zeitungsbericht die geplante Sicherheitszone kritisch. „Wer auf so eine Idee kommt, hat die politische Dimension nicht verstanden“, sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstag) über die sogenannte „Women’s Safety Area“ in Berlin.

Die Einrichtung einer solchen Zone sende „eine verheerende Botschaft“, erklärte Wendt der Zeitung. „Damit sagt man, dass es Zonen der Sicherheit und Zonen der Unsicherheit gibt.“ Das sei „das Ende von Gleichberechtigung, Freizügigkeit und Selbstbestimmtheit“. Frauen sollten ein Anrecht darauf haben, überall sicher zu sein, betonte Wendt.

Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article172026698/Silvester-So-wollen-Staedte-Frauen-vor-Uebergriffen-schuetzen.html

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