Mit dem geknackten Schloss in der Hand schrie er die Frau an

Täglich erleben wir Kriminalität in Berlin. Polizei und Justiz sind überlastet. In einem konkreten Fall stellte eine Passantin einen mutmaßlichen Fahrraddieb zur Rede – und wurde selbst zur Zielscheibe.

Fast täglich gibt es Schlägereien und Überfälle am Alex, der Mord im Tiergarten an Schlossherrin Susanne Fontaine (60) entsetzt die Berliner, Oberstaatsanwalt Ralph Knispel (57) sieht den Rechtsstaat gefährdet.

In öffentlichen Parks wird wie selbstverständlich mit Drogen gehandelt. Statt dagegen etwas zu tun, glorifiziert man Dealer in einer Ausstellung als „tapfer“. Was ist eigentlich los in dieser Stadt?

 

Spätestens seit dem Versagen der Sicherheitsbehörden im Fall des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri leidet das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Berliner massiv. Wie politisch aufgeheizt es im Alltag inzwischen zugeht, dabei sogar couragierte Bürger zur Zielscheibe von Anfeindungen werden, zeigt ein Fall, den ein Journalist aus eigenem Erleben bei Facebook schilderte:

Die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, vergangener Freitag. Der langjährige Russland-Korrespondent bei „Focus“ und Buchautor Boris Reitschuster (46) berichtet:

„Ein Mann mit Fahrrad brüllt eine ältere Passantin wie wild an und droht, sie zu attackieren. Alle laufen vorbei, als würden sie nichts sehen. Als ich nachfrage, was los ist, zeigt die Frau auf den Bolzenschneider, den der Mann im Fahrradkorb liegen hat und sagt:

„Der hat gerade das Schloss aufgeschnitten, klaut das Fahrrad, und ich habe gesagt, das geht doch nicht.“

Da schreit der Mann: „Mein Rad!“

Plötzlich kippt die Stimmung

Reitschuster schildert, was weiter passiert: Der Mann mit dem Fahrrad beschimpft die Frau plötzlich als Nazi. „Erst jetzt bleiben Passanten stehen, mischen sich ein. Sie verteidigen den Mann, attackieren die Frau: ,Vielleicht ist es ja sein Fahrrad! Lassen Sie ihn in Ruhe.‘“ Tatsächlich: Es bleibt völlig unklar, ob das Fahrrad gestohlen wurde oder dem Mann tatsächlich gehört. Fakt ist: Die Situation eskaliert weiter.

Reitschuster in seinem Facebook-Beitrag: „Er schreit immer weiter der Frau zu: ,Nazi, du!‘ Andere Fußgänger kommen dazu, schimpfen auf die Frau ein, die der Mann bedroht: ,Stalken Sie ihn nicht!‘ Schließlich schiebt der Mann das Rad mitsamt dem Bolzenschneider davon, immer noch laut auf die Frau schimpfend. Die lässt ihren Kopf hängen und sagt: ,Sind hier alle verrückt geworden?‘“

Reitschuster beobachtet, protokolliert und fotografiert. „Die immer freundlichen Obsthändler um die Ecke sind konsterniert. ,Wir hätten uns ja gerne eingemischt, aber der Kontaktbeamte der Polizei hat uns gesagt – nie einmischen, wenn irgendwas abgeht hier.‘“ Im Internet wird der Bericht von Reitschuster heiß diskutiert. Manche finden ihn tendenziös, andere pflichten ihm bei, schildern eigene Erfahrungen. Die Polizei konnte auf B.Z.-Anfrage keinen Vorgang zu dem Fall finden, ermittelt jetzt aber von Amtswegen wegen des Verdachts auf Fahrraddiebstahl.

Boris Reitschuster zu B.Z.: „Ich habe in Russland erlebt, was es bedeutet, wenn eine Rechtsordnung zusammenbricht. Es ist die Hölle. Wir sollten den Anfängen wehren.“

Quelle: http://www.bz-berlin.de/berlin/mit-dem-geknackten-schloss-in-der-hand-schrie-er-die-frau-an

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