Das Schweigen der Feministinnen

Gedanken von Drachenrose

Ein Mann erklärt einer Frau, dass er sie schön findet. Diese Frau findet eine solche Bemerkung unangemessen, ist gut positioniert und weiß ihre Empörung zu kommunizieren.

Prompt geht ein Aufschrei der Empörung durch die sozialen Medien, die Presse greift das Thema auf und pflastert ihre Webseiten mit entsprechenden Artikeln dazu voll.
Was für ein schrecklicher Sexismus das doch ist – die sogenannten Netzfeministinnen laufen zur Höchstform auf.  
Der neue gewählte Bundestag tritt zum ersten Mal zusammen. Es sind weniger Frauen vertreten als im letzten (1). Sofort rollt eine weitere Welle der Empörung durch die sozialen Medien, wieder springt die Presse und pflastert ihre Webseiten mit passenden Artikeln voll – was für ein Rückschritt für die Gleichberechtigung der Frau das doch wäre.
Und vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht haben wir in der Tat ein Sexismusproblem, wenn ein Mann eine Frau schön findet und so dreist ist, ihr das zu sagen; und vielleicht gibt es tatsächlich ein Gleichstellungsproblem, wenn weniger Frauen im neuen Bundestag vertreten sind als zuvor.
Aber:
Eine Frau geht joggen.
Sie wird von sieben (!) Männern überfallen. Sie wird geschlagen. Sie wird getreten. Brutal. So brutal, dass sie schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Schweigen. Kein Ton der Empörung. Nichts. Gar nichts.  
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Eine Frau wird einfach so überfallen, geschlagen, getreten, krankenhausreif geprügelt, von sieben ausgewachsenen Männern und es wird von den sonst so wortgewaltigen Netzfeministinnen – die normalerweise auf jeden männlichen Ausfall reagieren – ignoriert. Wie kann das sein?
Da fragt man sich schon nach den Maßstäben.  
Liegt es vielleicht daran, dass die Frau kein Star, keine Journalistin, keine Politikerin oder sonstiger weiblicher VIP ist, sondern „nur“ eine ganz normale, durchschnittliche Frau, die keine Lobby für sich beanspruchen und ihr Anliegen lautstark und nachhaltig kommunizieren kann?
Ist die körperliche Unversehrtheit und Integrität einer ganz normalen Durchschnittsfrau weniger wert als die von – nun sagen wir einmal – etablierten Frauen?
Und wenn ja, warum?  
Oder liegt es etwa daran, dass die Täter keine alten, weißen Männer sind, sondern stattdessen junge Burschen nicht-deutscher Herkunft?
Und wenn ja, stellt sich die Frage nach dem Warum. Ist das brutale Zusammenschlagen einer Frau von Männern etwa weniger toxisch als die Aussage, dass ein Mann eine Frau schön findet?
So oder so, es ist entlarvend, wie verlogen dieser sogenannte Netzfeminismus in Wirklichkeit ist. Er ist eine zutiefst elitäre Angelegenheit, die sich ausschließlich um den zusätzlichen Machtgewinn von Frauen dreht, die bereits gut positioniert sind. Gut genug, um sich wortgewaltig Aufmerksamkeit zu verschaffen und zu sichern und deren Hauptfeind der alte, weiße Mann ist. Gewöhnliche Frauen, die Opfer von brutalster, archaischer Gewalt werden, bekommen keine Welle der Solidarität. Stattdessen werden sie schimpflichst allein gelassen.
Die alltägliche Gewalt gegen ganz normale Frauen, die sich vermehrt Bahn bricht (2), scheint nicht das Problem dieser Feministinnen zu sein. Schließlich kann man sich damit keine neuen Pfründe sichern. Und genau an dieser Stelle entlarvt sich dieser neue Netzfeminismus als das, was er ist: es ist kein Feminismus, zumindest nicht im Sinne der Frauenrechte.
Denn das grundsätzliche Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit in der Öffentlichkeit, ein absolutes Basisrecht, ohne das nichts geht, wird von diesen Feministinnen mit Füßen getreten – und genau das ist ein unfassbarer Skandal.
Wenn sich Frauen nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen können, ohne Angst davor haben zu müssen, Opfer männlicher Gewalt zu werden, dann läuft in dieser Gesellschaft ganz grundsätzlich etwas falsch und diese, für Frauen zuvor sehr freie und offene Gesellschaft droht zu verschwinden. 
 
Es wird Zeit, dieses Schweigen zu durchbrechen.
Diese Gesellschaft kann es nicht hinnehmen, dass Frauen durch zunehmende männliche Gewalt aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Es wird Zeit, dass wir diesen Frauen die ganze weibliche und auch gesamtgesellschaftliche Solidarität zukommen lassen, die sie verdienen. Es wird Zeit, dass diese im wahrsten Sinne des Wortes toxische Brutalität angeprangert und benannt und entsprechend geächtet wird. Ansonsten wird sich dieses Land in gesellschaftliche Richtungen entwickeln, die sich wirklich niemand wünschen kann.
(1) Das war eigentlich bereits bei der Listenaufstellung absehbar. Offenbar brauchten jedoch einige Leute ein wenig länger, um den Mangel an Frauen zu kapieren. Somit ist diese extrem verspätete Empörungswelle geradezu lachhaft. Diese hätte bereits bei den Listenaufstellungen erfolgen müssen. Aber dazu bedarf es natürlich der Weitsichtigkeit.
(2) Es ist ja nicht der erste Überfall auf eine Joggerin. Beklemmenderweise scheinen diese in letzter Zeit gehäuft aufzutreten.

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