Sexuelle Übergriffe “Es könnte etwas lauter werden”

Die Debatten um sexuelle Gewalt werden von den immer gleichen Ruhigstellungs-Impulsen begleitet: Die Betroffenen seien selbst schuld und die Täter nur schwierige Typen. Das ist Teil des Problems.

Es ist laut in Hollywood, und es wird immer lauter in anderen Teilen der Welt: Wieder einmal sind die Übergriffe eines mächtigen Mannes öffentlich geworden, und wieder einmal trauen sich Frauen, die Ähnliches kennen, erst nach langer Zeit mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit, weil sie wissen, dass sie nicht allein sind.

Dass ein Typ wie Filmproduzent Harvey Weinstein über Jahrzehnte hinweg Frauen belästigt und einige vergewaltigt haben soll, scheint niemanden zu wundern, der ihn kannte. Wundern kann man sich allerdings darüber, wie ähnlich die Debatten um übergriffige Männer immer wieder verlaufen und wie wahnsinnig langsam Dinge sich ändern.

Wieder sammeln Zehntausende Menschen ihre Erfahrungen unter einem Hashtag – #metoo – und berichten, wie sie von Fremden, Bekannten, Verwandten, Freunden, Kollegen oder Vorgesetzten belästigt, bedrängt oder vergewaltigt wurden. Ähnliche Aktionen gab es in den vergangenen Jahren mit #aufschrei, #ausnahmslos oder #whyisaidnothing.

Ob es um anonyme Fälle geht oder um berühmte Beschuldigte wie Harvey Weinstein, Donald Trump, Bill Cosby oder Dominique Strauss-Kahn: Die Debatten werden von den immer wieder gleichen Verdrängungs- und Ruhigstellungs-Impulsen begleitet, laut denen die Betroffenen angeblich zu naiv, aufmerksamkeitsbedürftig oder selbst schuld waren und die Täter eben schwierige oder ebenfalls naive Typen, die in dem Moment oder generell nicht wussten, was sie sagten oder taten.

Es ist tragisch, wenn es immer erst eine Flut an Aussagen braucht, um Opfer von sexualisierter Gewalt glaubwürdig werden zu lassen, und es ist ähnlich tragisch, wie dabei bestimmte Mythen und Vorurteile immer wieder aufgewärmt werden.

Es wird allerdings schwieriger, diese Mechanismen des Verdrängens und Kleinredens aufrechtzuerhalten, je mehr Fälle von Belästigung, Missbrauch und Vergewaltigung öffentlich werden. Die Debatten fangen nicht immer wieder bei null an: Dazu sind die jeweiligen Anschuldigungen zu ähnlich. Dass das Problem mit sexualisierter Gewalt ein “strukturelles” ist, heißt, dass bestimmte Erfahrungen, Szenen, Erzählungen sich wiederholen, immer wieder nach denselben Mustern – weil sie durch bestimmte Umstände begünstigt werden, wie zum Beispiel die Tatsache, dass manche Menschen sich sehr viel erlauben können, ohne dafür belangt zu werden, und andere so wenig Macht haben, dass sie nicht einmal gehört werden.

Opfer werden beschuldigt statt Täter und Mitwisser

Selbst im Fall Harvey Weinstein, bei dem man aufgrund der Beweislage davon ausgehen kann, dass er über lange Zeit übergriffig gehandelt hat, gibt es skeptische Stimmen, die etwa fragen, warum die Frauen, die Weinstein beschuldigen, sich jetzt erst trauen zu sprechen, und ob sie nicht in ihren Karrieren auch davon profitiert hätten.

Der Karriere-Einwand ist besonders perfide: Immer wieder ist zu hören, die Frauen, die Weinstein beschuldigen, hätten ihm doch beruflich viel zu verdanken. Das kann sein. Allerdings hat das mit Weinsteins Tätigkeit als Filmproduzent zu tun und nicht mit seinen Genitalien: Businessförderung geht auch ohne Belästigung. Es ist kein Zufall, dass die meisten von Weinsteins Opfern junge Schauspielerinnen waren, die am Anfang ihrer Karriere standen und von ihm mehr oder weniger abhängig waren.

Und selbst falls es so sein sollte, dass einige der Frauen sich bewusst darauf eingelassen haben, mit einem Typen aufs Zimmer zu gehen, vor dem schon lange gewarnt wurde und dessen Übergriffigkeit bekannt schien: Andere hat diese Gewalt zerstört. Sie wird nicht besser dadurch, dass manche Opfer sie okay weggesteckt haben mögen. Hier zeigt sich der alte Versuch des “victim blaming”, der Beschuldigung des Opfers, ein Phänomen, das sexualisierte Gewalt zuverlässig begleitet, obwohl es eindeutig nur einen Schuldigen gibt: den Täter.

Als mitschuldig kann man allenfalls diejenigen sehen, die Weinstein so lange gedeckt haben: die Medien, die nicht über seine Übergriffe berichteten und die mitwissenden Menschen, die weniger von Weinstein abhängig waren und im Falle einer Aussage weniger Risiken getragen hätten.

Mitschuldig sind auch all diejenigen, die im Falle von Sexualstraftätern oder anders gewalttätigen Männer immer wieder davon sprechen, wie nah angeblich Genie und Wahnsinn beieinanderliegen, und die eine stille Faszination hegen für alte, aggressive Männer, die regelmäßig ausrasten. Das ist krank. Wer wie Bild.de schreibt, Weinstein sei “auch eine geniale Sau” gewesen, huldigt einem Täter.

Mitschuldig sind immer auch die, die Vergewaltigung oder Belästigung zu Sex umdichten. “Sexskandal weitet sich aus. Nun hat es den Chef der Amazon-Unterhaltungssparte, Roy Price, getroffen”, twitterte “ZDF heute”. Als müsste man Mitleid mit Price haben. Offenbar kann man auch nicht oft genug sagen, dass es sich hierbei nicht um einen “Sexskandal” handelt. Sex ist nichts Schlimmes. Hätte Weinstein oder ein anderer Täter einfach nur einen starken Sexualtrieb gehabt, hätte er allein in seinem Hotelzimmer masturbieren können wie jeder normale Mensch. Jede Situation, in der andere Leute gegen ihren Willen zur Befriedigung benutzt werden, ist nicht mehr Sex, sondern Gewalt und Machtmissbrauch.

Keine Angst vor Konsequenzen

Es ist gut, dass die Oscar-Akademie die Zusammenarbeit mit Weinstein beendet hat und der wichtigste US-Produzentenverband Producers Guild of America ihn rausschmeißen will. Hätte früher passieren können, aber immerhin. Man muss Tätern das wegnehmen, was sie zu Tätern werden ließ: nicht ihren Penis, sondern ihre Macht – und Macht entsteht durch Zusammenarbeit. Kein Mensch kann das allein, er braucht ein System aus mitwissenden und mitspielenden Menschen, die seine Übergriffe mitermöglichen, schönreden oder beschweigen, und Opfer, die zu viel zu verlieren haben, wenn sie sprechen. Übergriffe passieren da, wo die Angst vor den Konsequenzen nicht groß genug ist.

Die Situationen, die solches Verhalten ermöglichen, sind allgegenwärtig, solange, wie Frauenfeindlichkeit alltäglich ist und sogenannte Genderthemen etwas, das hinter “den wirklich wichtigen Themen” zurückstehen muss. Aber solange die Körper von Frauen weiterhin als Dekorationsobjekte fungieren, solange von Frauen erwartet wird, dass sie lächeln, auch wenn sie keine Lust haben, solange Frauen als übertrieben emotional gelten, solange ihre Worte und auch ihre Widerworte nicht mit exakt demselben Respekt bedacht werden wie die eines Mannes, solange die Sexualität von Männern als etwas Triebhaftes verstanden wird, und solange Frauen weniger eigenes Begehren zugestanden wird und sie vermeintlich immer erst rumgekriegt werden müssen und das zur Not mit Gewalt – solange wird es immer wieder Täter wie Weinstein geben können.

Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/harvey-weinstein-es-koennte-etwas-lauter-werden-kolumne-a-1173289.html

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