Türkei – Übergriffe auf Frauen nehmen zu

Eine brutale Attacke auf eine junge Frau in Shorts empört viele Türkinnen. Vor allem seit dem Putschversuch klagen säkulare Frauen immer häufiger über Anfeindungen.

„Frauen, die Shorts tragen, müssen sterben“, rief der Mann, bevor er mit voller Wucht gegen den Kopf der Frau trat. Der Angriff traf Aysegül Terzi unvermittelt. „Ich trug Kopfhörer, deshalb bekam ich zuerst nicht mit, was er brüllte“, erzählt die Frau aus Istanbul in einer TV-Reportage. Die 23-jährige Krankenschwester fuhr im Bus auf der anatolischen Stadtseite von der Arbeit nach Hause, als der Mann sie plötzlich attackierte. Dann hörte sie ihn rufen: „Du bist ein Teufel!“

Aysegül Terzi trug Prellungen am Kinn davon, musste ins Krankenhaus und wandte sich anschließend ans Fernsehen. Der private Boulevardsender Show-TV machte den Vorfall vom Montag vergangener Woche öffentlich und zeigte dazu Bilder einer Überwachungskamera. Drei junge Männer stoppten den Angreifer, doch es gelang ihnen nicht, ihn an der Flucht zu hindern. Erst am Samstag wurde er festgenommen.

Der brutale Übergriff hat in der Türkei eine Welle der Empörung hervorgerufen. Auf Twitter erfuhr die selbstbewusste junge Frau unter dem Hashtag #AysegülTerzininSesiOlalim vieltausendfache Unterstützung. Frauen dürften anziehen, was sie wollten, schrieben viele Nutzer. Terzi selbst sagte, sie trage gern Shorts, und niemand habe das Recht, ihr Kleidervorschriften zu machen.

Als der Angreifer namens Abdullah C. unter medialem Rummel festgenommen wurde, lachte er und brüstete sich, er selbst sei das Opfer einer linksradikalen Verschwörung: „Alles ist unter Kontrolle – alles geschah nach islamischem Gesetz“, sagte er. Im polizeilichen Verhör gab er die Attacke zu, doch ließ ihn ein Staatsanwalt am Sonntag wegen „Geringfügigkeit“ wieder laufen, obwohl der 35-Jährige laut türkischen Medien erklärte: „Die Shorts, die sie trug, waren nicht angemessen. Deshalb wurde ich wütend und griff sie an.“ Seiner Meinung nach müsse der Staat Frauen bestrafen, die sich so unzüchtig kleideten.

Wie sich herausstellte, ist Abdullah C. als Sicherheitskraft bei einer privaten Firma beschäftigt und leidet nach Angaben seines Bruders an einer bipolaren psychischen Störung. Als Aysegül Terzi erfuhr, dass ihn die Staatsanwaltschaft wieder auf freien Fuß gesetzt hatte, erlitt sie einen Zusammenbruch und sagte zu Reportern: „Wo bleibt die Gerechtigkeit? Muss ich erst getötet werden?“

Als sich daraufhin erneut ein Sturm im Internet erhob und der Fall immer weitere Kreise zog, ließ ein anderer Staatsanwalt den Täter flugs wieder festnehmen, Begründung: „Anstiftung zu Feindseligkeit in der Gesellschaft“ – eine Kehrtwende, die auch einiges aussagt über die verunsicherte türkische Justiz nach dem Militärputsch vom 15. Juli. Denn jede Entscheidung kann die falsche sein und die eigene Karriere beenden.

Opposition setzt Regierung unter Druck

Inzwischen hat der Fall die Politik erreicht. Die sozialdemokratische Oppositionspartei CHP wittert eine Chance, die islamische Regierung zu bedrängen, sie stuft die Tat als strafbares Hassverbrechen ein und fragte am Montag im Parlament, wer dem Täter denn ein Zuverlässigkeitszertifikat als Sicherheitskraft ausgestellt habe. Umgehend reagierte Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya, sie rief Aysegül Terzi persönlich an und sicherte ihr volle Unterstützung zu.

Die Ministerin weiß, dass bestimmte Gewalttaten gegen Frauen schnell zu Massenprotesten führen können – wie im vergangenen Jahr, nachdem ein Minibusfahrer die 19-jährige Studentin Özgecan Arslan vergewaltigt und ermordet hatte.

Kaya weiß auch, dass Kleidervorschriften ein klassisches türkisches Konfliktthema sind – Kopftücher, Hüte, lange und kurze Röcke sind seit Gründung der Republik Anlass für hitzige Debatten und politische Gewalt zwischen Säkularen und Religiösen. Auch diesmal gingen Frauenrechtlerinnen sofort auf die Straße, um für das Opfer zu demonstrieren – und zwar in Shorts.

Düriye Sezgin von der Menschenrechtsorganisation IHD in Istanbul sagt, seit dem Militärputsch würden ihr deutlich mehr gewalttätige Übergriffe gegen Frauen in der Öffentlichkeit gemeldet. „Wir glauben, dass es einen Zusammenhang gibt, weil sich die Machos und Islamisten seither stärker fühlen.“ Sie warnt vor einer weiteren verhängnisvollen Polarisierung der Gesellschaft.

Während der sogenannten Demokratiewachen nach dem gescheiterten Putsch rief ein Imam in Istanbul jubelnde Anhänger des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu auf, Frauen von Anhängern des Islampredigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putsch verantwortlich macht, als „Kriegsbeute“ zu betrachten.

Säkulare Frauen klagen seit dem Putschversuch immer öfter über Pöbeleien und Anfeindungen, wenn sie etwa Hemden mit Spaghettiträgern, Shorts oder Miniröcke anziehen, die den selbst ernannten Tugendwächtern als nicht sittsam genug gelten. Einen krassen Fall schilderte die linke Zeitung „Evrensel“ Anfang August. Die Redaktionssekretärin Hazal Ölmez, im sechsten Monat schwanger, ging sommerlich gekleidet zu ihrer Wohnung nahe dem berühmten Großen Basar Istanbuls, als zwei junge Frauen im schwarzen Tschador sie plötzlich an den Haaren zogen, schlugen und dazu laut riefen: „Warum ziehst du dich so unzüchtig an? Du bist eine Putschistin, eine Gülenistin, eine Verräterin!“

Ein bärtiger Mann mit langem Gewand habe sie angebrüllt: „Es gibt noch andere Schlampen wie dich, wir haben euch alle auf der Liste, die kommen auch dran“, und er habe sie dann so hart gegen den Fußknöchel getreten, dass sie hinfiel. Dass nichts Schlimmeres geschah, verdankt sie dem beherzten Eingreifen einer älteren Nachbarin. Hazal Ölmez ist noch immer so traumatisiert, dass sie sich nicht in der Lage sah, ein Gespräch mit dieser Zeitung zu führen.

Die Krankenschwester Aysegül Terzi zeigte sich unterdessen erleichtert, dass ihr Angreifer erneut festgenommen wurde. Derweil enthüllte das türkische Internetnachrichtenportal SoL, dass Abdullah C. Mitglied einer Facebook-Gruppe namens „Verehrer von Tayyip Erdogan“ ist. Darin teilte er unter anderem das Statement eines radikalen Islamisten: „Frauen, die offenherzig auf der Straße herumlaufen, gehören mir.“

Quelle: FR- Online

Foto: imago

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